Sie benutzen eine veraltete Version des Internet Explorers, wodurch es zu Darstellungsfehlern kommen kann. Bitte nutzen Sie Browser wie Google Chrome / Mozilla Firefox oder laden sie die neueste Version des Internet Explorers herunter.

Medizinische Versorgungszentren (MVZ)

Nachdem bereits in den 90er Jahren die gesetzlichen Bedingungen für Ärztliche Kooperationen mit dem Aufkommen der Ärztenetze teilweise flexibilisiert worden waren, war das Bundesgesundheitsministerium unter der SPD-Ministerin Ulla Schmidt seit 2002 offiziell für die Etablierung von Versorgungsangeboten nach dem Modell der ostdeutschen Gesundheitszentren eingetreten.

In den notwendigen Kompromissverhandlungen mit der CDU zum Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) schufen die Politiker jedoch – um einer zu engen Inbezugsetzung der neuen Strukturen mit den ostdeutschen Gegebenheiten von vornherein zu begegnen – dafür die Wortneuschöpfung MVZ, bzw. Medizinisches Versorgungszentrum.


1. Was ist ein Medizinisches Versorgungszentrum?

Medizinische Versorgungszentren, kurz MVZ, sind in der gesetzlichen Definition (§ 95 SGB V) fachübergreifende, ärztlich geleitete Einrichtungen, die über die strukturierte Zusammenarbeit mindestens zweier Ärzte mit unterschiedlichen Facharzt- oder Schwerpunktbezeichnungen eine interdisziplinäre Versorgung aus einer Hand gewährleisten sollen.
MVZ nehmen, genau wie selbständig niedergelassene Vertragsärzte, regelhaft an der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung der gesetzlichen Krankenkassen teil und sind mit wenigen Abweichungen exakt denselben Regeln der Leistungserbringung unterworfen.

Dabei können sich MVZ verschiedenster Organisationsformen bedienen, die jedoch 2011 mit dem GKV-VStG auf die Rechtsform einer Personengesellschaft (GbR), einer eingetragenen Genossenschaft oder der Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) eingeschränkt wurden.
Gründer eines MVZ können nach aktueller Gesetzeslage zugelassene Ärzte,  Krankenhäuser sowie Erbringer nichtärztlicher Dialyseleistungen sein. Darüber hinaus gibt es im Sinne des Bestandsschutzes eine Vielzahl von MVZ in Gründerschaft weiterer GKV-Leistungserbringer, die zwischen 2004 und 2011 gründungsberechtigt waren, von der schwarz-gelben Koalition mit Gesundheitsminister Daniel Bahr jedoch von MVZ-Neugründungen ausgeschlossen wurden.

Aufgrund der Trägervielfalt ist für MVZ, insbesondere in nicht-verragsärztlicher Trägerschaft, die Trennung zwischen der medizinischen und der kaufmännischen Ebene charakteristisch. In jedem Fall muss es in einem MVZ aber einen Ärztlichen Leiter geben, der selbst als angestellter Arzt oder Vertragsarzt im MVZ praktiziert und – weisungsungebunden von der Verwaltung – die medizinische Leitung des MVZ übernimmt.

Mit Etablierung von MVZ wurde die Organisationsform der ehemaligen DDR-Polikliniken aufgegriffen und 2004 neu im Gesundheitssystem der Bundesrepublik etabliert. Patienten sollen im Idealfall von der räumlichen Integration der unterschiedlichen Fachbereiche, den flexibleren Öffnungszeiten, geringeren Wartezeiten, besserer Ausstattung sowie darüber hinausgehenden Kooperationen mit nichtärztlichen Heilberufen und/oder Krankenhäusern profitieren.


2. Erfahrungen mit Gesundheitszentren und Auswirkungen auf die MVZ-Gesetzgebung

Schon während der Einigungsverhandlungen 1990/91 hatte die SPD dafür plädiert, die Andersartigkeit des ostdeutschen Gesundheitswesens nicht als Gefahr, sondern als Chance zur Erneuerung auch für die alte Bundesrepublik zu begreifen.
Diesen Gedanken wieder aufgreifend, hatte die rot-grüne Regierung die Förderung kooperativer und integrativer Versorgungsstrukturen in ihren Koalitionsvertrag von 1998 als Zukunftsziel integriert. Dabei lag es nahe, sich auf diejenigen Einrichtungen zu beziehen, die bereits seit Jahren eine poliklinische Versorgung im Rahmen des GKV-Systems praktizierten.

Wissenswertes zu Gesundheitszentren

Ab 2001 fanden mehrere offizielle Besuche und Besichtigungen verschiedener Brandenburger Gesundheitszentren durch Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums statt, die dem Zweck dienten, den bundesdeutschen Politikern die ihnen meist fremde Welt kooperativ ausgeübter ambulanter Medizin zu erschließen.
In direkter Bezugnahme auf diese Erfahrungen wurde ab September 2002 ministeriumsoffiziell wiederholt von der Absicht gesprochen, Versorgungsangebote nach dem Modell der Gesundheitszentren in das GKV-System zu integrieren, bzw. aus dem Modell Brandenburg ein Modell Deutschland machen zu wollen.

Juni 2002: Gesundheitszentren sind medizinisch sinnvoll und effizient
September 2002: Hausarzt: Mein Chef ist eine GmbH

Die Bestätigung der rot-grünen Bundesregierung durch das Ergebnis der Bundestagswahl vom September 2002 ermöglichte es der SPD, diese Pläne und ihr Vorhaben einer umfassenden Gesundheitsreform zu konkretisieren und in konstruktiver Zusammenarbeit mit der CDU noch innerhalb des Jahres 2003 umzusetzen.

Der Verband der Gesundheitszentren und Praxisnetze e.V. war dabei in vielfältiger Weise in den Gesetzgebungsprozess eingebunden und während der Entscheidungsfindung ein gesuchter Ansprechpartner. Der damalige Verbandsvorsitzende gab daher während der Hochphase des Gesetzgebungsprozesses zu Protokoll, dass es ‘einen regelrechten Besichtigungstourismus von Interessenten aus dem Westen’ bei den Mitgliedseinrichtungen gäbe.

März 2003: Stellungnahme für das Bundesgesundheitsministerium
August 2003: Alte Idee mit neuem Namen


3. Wie arbeiten die Ärzte in einem MVZ?

Für Ärzte ist die Arbeit in einem MVZ sowohl im Status eines selbständigen Vertragsarztes, als auch als angestellter Mediziner möglich. In beiden Fällen ist gegenüber dem Patienten, der KV und den Krankenkassen das MVZ als juristische Person der verantwortliche Leistungserbringer und Vertragspartner.

Vertragsärzte können damit neben der Option der selbständigen Niederlassung auch entscheiden, ihren Sitz vorübergehend in ein MVZ einzubringen oder diesen dem MVZ zu überlassen und sich anschließend vom MVZ anstellen lassen. Aktuell sind mit gut 85 % deutlich mehr Ärzte als angestellte Mediziner in MVZ tätig, denn als Vertragsärzte.

Voraussetzungen für die Anstellung eines Arztes in einem MVZ sind
– ein vorhandener Arztsitz für den einzustellenden Arzt,
– die Eintragung des anzustellenden Arztes im Arztregister und
– die Genehmigung des Zulassungsausschusses.

Durch die Möglichkeit der Anstellung in einem MVZ soll zum Einen besonders jungen Ärzten ermöglicht werden, an der vertragsärztlichen Versorgung teilzunehmen,zum Anderen älteren Ärzten die Möglichkeit gegeben werden, weiter tätig zu sein, ohne die mit einer eigenen Praxis verbundene Verantwortung tragen zu müssen. Das wirtschaftliche Risiko wird im MVZ entsprechend von der Trägergesellschaft übernommen, oder – bei vertragsärztlichen Gründungen – auf mehrere Ärzte verteilt.
Pro MVZ sind durchschnittlich vier bis fünf Ärzte beschäftigt, wobei Hausärzte, Internisten und Chirurgen die am häufigsten in MVZ vertretenen Facharztgruppen darstellen.


4. Wie rechnet ein MVZ ab, bzw. wie wird es finanziert?

Voraussetzung für die Abrechnung von Leistungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung ist die Teilnahme an der vertragsärztlichen Versorgung. Da sich MVZ über die Leistungseinnahmen der Ärzte finanzieren ist damit die vom Zulassungsausschuss erteilte Abrechnungsgenehmigung gegenüber der zuständigenen Kassenärztlichen Vereinigung (‘Zulassung’) konstituierend.

Abrechnungsfähig sind Leistungen, die gemäß der geltenden Regelungen, d.h. vor allem nach EBM und regionaler Honorarverteilung, von den Ärzten des MVZ  persönlich erbracht wurden. Igel- und Privatleistung werden auch im MVZ dem Patienten oder PKV-Versicherten direkt in rechnung gestellt.

Hinsichtlich der Abrechnung gelten alle Regeln für niedergelassene Ärzte analog. D.h. die MVZ unterliegen nicht nur ebenfalls den verschiedenen Plausibilitäts- und Wirtschaftlichkeitsprüfungen, sondern auch allen sonstigen Regeln und Vorschriften der ärztlichen Leistungserbringung.
Im Grunde rechnet ein MVZ wie eine fachübergreifende Gemeinschaftspraxis ab. Jeder im MVZ tätige Arzt bekommt ein Regelleistungsvolumen (RLV) zugewiesen. Die RLV werden zusammengerechnet und bilden die Obergrenze für das gesamte MVZ.

Durch die im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) vorgegebene Grundstruktur der Honorierung gilt dabei für MVZ und Gemeinschaftspraxen die Besonderheit, dass ihnen je Behandlungsfall ein sogenannter ‘Kooperationszuschlag’ gewährt wird.
Dabei handelt es sich – anders als es der Wortsins vermuten ließe – jedoch nicht um ein gegenüber den niedergelassenen Kollegen zusätzliches Honorar, sondern um einen zumeist unvollständigen Nachteilsausgleich, der durch die Honorierung nach der ‘Behandlungsfallzählweise’ notwendig ist. D.h. fachübergreifende Gemeinschaftspraxen und MVZ erhalten trotz diesen ‘Zuschlags’ für dieselbe Leistung oft ein im Ergebnis geringeres Honorar als ihre niedergelassenen Kollegen.


5. Welche Unterschiede, bzw. Gemeinsamkeiten gibt es zwischen MVZ und niedergelassen tätigen Ärzten?

MVZ nehmen ebenso wie Vertragsärzte regulär an der ambulanten ärztlichen Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherung teil. Für MVZ und somit mittelbar für die in diesen Zentren arbeitenden Ärzte gelten sämtliche Vorschriften der vertragsärztlichen Versorgung. Dazu zählt insbesondere auch die Vorschrift, dass jeder Arzt in Fragen der medizinischen Behandlung weisungsfrei ist.

Ebenso wie MVZ können Vertragsärzte seit 2007 andere Ärzte, auch anderer Fachrichtungen, in ihrer Praxis anstellen. Unterscheidungsmerkmal ist damit nicht die Freiberuflichkeit, sondern der Status als selbständig oder abhängig tätiger Arzt.

Damit einher geht, dass die Arbeitszeitgestaltung in der Einzelpraxis, in der die gesamte Verantwortung auf den Schultern des Arztes ruht, meist wesentlich unflexibler ist, als in einem MVZ. Anders als in Einzelpraxen, in denen eine Person meist neben der Patientenversorgung alle Verwaltungsaufgaben, die Abrechnung sowieso das Personalmanagement selbst übernimmt, werden diese Aufgaben in MVZ in der Regel zentral organisiert und häufig von Verwaltungspersonal übernommen.

Unterschiede lassen sich zudem vor allem in der Nutzbarkeit von Synergieeffekten und somit im Bereich der Versorgungseffizienz feststellen.


6. Gibt es ein Verzeichnis aller MVZ, bzw. wie finde ich ein MVZ in meiner Nähe?

Gegenwärtig gibt es nach unserer Kenntnis kein öffentlich einsehbares Zentralverzeichnis aller MVZ der Bundesrepublik Deutschland.
Allerdings gibt es auf den Internetseiten der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung einer Region die Möglichkeit eine (teils nicht auf Vollständigkeit angelegte) Übersicht der dort zugelassenen MVZ zu finden, bzw. durch spezifische Suche in der gewünschten Region MVZ gezielt zu suchen.
Leider ist es von KV zu KV unterschiedlich, wie vollständig und übersichtlich dieses Verzeichnis aufgebaut ist.

Arztsuche in Deutschland – Eine Übersicht der KBV


7. Kritik an MVZ

MVZ stehen immer wieder in der öffentlichen Kritik, insbesondere aus der Ärzteschaft, was angesichts der zunehmenden Konkurrenz im ambulanten Sektor kaum verwundern kann.
Dabei wird hauptsächlich kritisiert, dass das ‘Eindringen’ von Managementgesellschaften, privaten Klinik-Trägern und Krankenhäusern im Allgemeinen in den ambulanten Versorgungsmarkt die freie Arztwahl der Patienten einschränke, die Freiberuflichkeit der ärztlichen Tätigkeit gefährde und niedergelassene Facharztpraxen verdrängt würden.

Tatsächlich sind in den MVZ derzeit rund 10.000 Ärzte tätig – was bei insgesamt gut 140 Tausend insgesamt zu Lasten der GKV ambulant tätigen Ärzten etwa 7 % entspricht. Dabei ergänzen MVZ das ambulante Versorgungsangebot und bieten sowohl für Patienten als auch für Ärzte neue Möglichkeiten der Versorgung, bzw. Tätigkeit.

Die Debatte um MVZ hat insgesamt einen politischen, teils auch ideologischen Charakter, der sich allgemein aus Veränderungen, denen das Gesundheitswesen unterliegt und die von vielen Ärzten als bedrohlich wahrgenommen werden, speist. In der Auseinandersetzung um MVZ pointiert sich das Aufeinandertreffen der in der BRD auschließlich zulässigen klassischen Praxis in selbständiger Niederlassung mit der neuen Option, im Status eines angestellten Arztes Medizin auszuüben.

Dabei wird häufig übersehen, dass es in der Ärzteschaft eine hohe Nachfrage nach Anstellungs-Angeboten gibt, da heutzutage vielen Ärzte eine Niederlassung mit dem damit verbundenen Risiko und Verantwortung nicht mehr erstrebenswert scheint. Es ist daher nicht überraschend, dass auch in den Niederlassungspraxen zunehmend Ärzte in Anstellung tätig sind.
Insgesamt weist die Ärztestatistik für das Jahr 2011 von 18,8 Tausend in Praxen und MVZ angestellten Ärzte aus.


8. Unterschied zwischen Gemeinschaftspraxis und MVZ

Aus der Patientenperspektive unterscheiden sich MVZ und Gemeinschaftspraxis kaum von einander. Im ärztlichen Berufsrecht werden sie daher gemeinsam als ‘Ärztliche Berufsausübungsgemeinschaft’ – kurz BAG – erfasst. In beiden Versorgungsstrukturen arbeiten Ärzte innerhalb einer rechtlichen Gemeinschaft zusammen und treten nach Außen als Einheit auf. Während Gemeinschaftspraxen häufig aber fachgleich gegründet werden, also Zweier- oder Dreierzusammenschlüsse von Ärzten derselben Fachrichtung sind, ist MVZ die Interdisziplinarität gesetzlich vorgeschrieben.

Wesentlichster Unterschied ist jedoch die Rechtsform, bzw. die Frage nach dem Zulassungsträger. Während bei Gemeinschaftspraxen grundsätzlich jeder Arzt über eine eigene, personengebundene Zulassung verfügt, und sich damit die Zulassung der Gemeinschaft aus der Summe dieser Einzelzulassungen speist, ist beim MVZ die MVZ-Gesellschaft unmittelbar selbst Inhaberin der Zulassung. Man spricht in diesen Fällen von einer institutionellen Zulassung.

Die Besonderheit der MVZ liegt in der Konsequenz darin, dass sie als über ihre Ärzte, aber dennoch formal als juristische Person an der Versorgung der GKV-Versicherten teilnehmen. Dadurch entstehen häufig Strukturen, bei denen die Ebene der ärztlichen Leistungserbringung von der Ebene der Verwaltung, bzw. der Träger getrennt ist  – während in Gemeinschaftspraxen eine Personenidentität zwischen Ärzten und Gesellschaftern per Definition vorgegeben ist.

Zwei Fünftel aller MVZ befinden sich laut KBV-Statistik in Trägerschaft von Vertragsärzten und unterscheiden sich damit kaum von der klassischen Gemeinschaftspraxis. 38 Prozent liegen in Krankenhausträgerschaft, 20 weitere in den Händen so genannter dritter Träger.

Hinsichtlich der Trägerstruktur unterscheiden sich dabei west- und ostdeutsche Bundesländer teils stark: Der Anteil der MVZ unter Krankenhausbeteiligung ist in den östlichen Bundesländern mit 57 Prozent deutlich höher als mit 30,2 Prozent in den anderen Bundesländern.

Insgesamt machen MVZ die Versorgungslandschaft bunter und bieten damit ein Innovationspotential, auf das vor dem Hintergrund der chronischen Unterfinanzierung der Gesundheitsversorgung kaum verzichtet werden kann. Dabei sind MVZ nicht mehr oder weniger als eine von mehreren Möglichkeiten, Versorgungsstrukturen modern zu gestalten und Ärzten flexible Arbeitsmöglichkeiten zu bieten.