MVZ-Statistik der KBV
– Was die Zahlen sagen

Am 27. Juli 2015 hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) die neuesten MVZ-Kennzahlen veröffentlicht. Ein guter Anlass für den BMVZ, eine kurze Rückschau auf die Gründungsdynamik der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in den letzten zehn Jahren zu halten und einen Blick in die Zukunft zu werfen.

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Betrachtet man die absolute Anzahl der jeweils zum Jahresende bestehenden MVZ, ist auch in 2014 wieder ein deutlicher Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr festzustellen. Vergleicht man jedoch die Zahl der Neuzulassungen mit dem Vorjahr, so ist eine Stagnation erkennbar.

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KBV-Dokumentation: MVZ aktuell (Stand 31.12.2014)
KBV-Dokumentation: Entwicklung der MVZ
 
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alle KBV MVZ-Kennzahlen der Vorjahre auf einen Blick
 

Doch was besagen diese Kurven wirklich? Ist ein Sättigungsgrad erreicht? Stehen die Zeichen der MVZ-Zulassungen wirklich auf Stagnation? Wie sind die Aussichten bezüglich potenzieller Neugründungen im Zusammenhang mit den Gesetzesänderungen, die im seit Ende Juli 2015 geltenden neuen Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG) festgelegt wurden?


Lesen Sie dazu im Folgenden:


MVZ-Gründungen
2004 – 2014

Insgesamt ist der Trend zur MVZ-Gründung ungebrochen. Ende des Jahres 2014 waren bei den einzelnen KVen insgesamt 2.073 MVZ zugelassen, in denen 13,5 Tausend Ärzte tätig sind. Damit üben inzwischen mehr als neun Prozent aller ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten ihre Arbeit in einem MVZ aus.

Die Zahl der Ärzte, die in einem MVZ, einer Gemeinschaftspraxis oder einer Praxis mit angestellten Ärzten kooperativ in einer ärztlichen Berufsausübungsgemeinschaft tätig sind, entspricht aktuell in etwa der Zahl der Ärzte, die in Einzelpraxis niedergelassen sind. Der Trend wird sich dabei aller Voraussicht nach weiter in Richtung kooperative Praxisstrukturen entwickeln, so dass der Anteil der Einzelpraxen in den nächsten Jahren erwartbar weiter sinken wird.

Die MVZ-Statistik spiegelt damit für den engeren Bereich der ‘Praxisform MVZ’ die seit Jahren allgemein in der deutschen Ärzteschaft bestehende Tendenz, sich statt in Einzelpraxis niederzulassen, zunehmend in kooperativen Praxisformen zusammenzuschließen, wider.

Grafik: BMVZ / Datenquelle: KBV


Dynamik & Zuwachsraten
2004 – 2014

Der Detailblick auf die jährlichen Zuwachsraten bei den MVZ-Gründungen weist über die Jahre eine klare Kurve auf, die in 2006, wo allein 325 MVZ neu zugelassen worden sind, ihren Gipfel hat.

Seitdem ist die Zahl der jährlich neu zugelassenen MVZ jedes Jahr etwas geringer als im jeweiligen Vorjahr. In 2014 haben ausweislich der aktuellen KBV-Statistik 67 MVZ ihre Tätigkeit erstmalig aufgenommen. Da diese Statistik jedoch letztlich nur das Nettoergebnis der Zu- und Abgänge ausweist, dürfte die Zahl der tatsächlichen Neugründungen leicht höher liegen.

Insgesamt ist aber auffällig, dass die Gründungsaktivitäten an sich scheinbar eindeutig nachlassen. Jedoch ist hier vor schnellen Rückschlüssen zu warnen. Vielmehr lohnt ein Blick auf die Hintergründe der MVZ-Entwicklung, aber auch auf den Fakt, dass gleichzeitig die bestehenden MVZ immer größer werden.

D.h. es besteht nicht nur ein unabhängig von der sinkenden Dynamik anhaltender Trend, MVZ neu zu gründen. Nein, diese MVZ werden – statistisch betrachtet – insgesamt auch beständig größer. Aktuell liegt die Durchschnittsgröße aller MVZ bei 6,5 Ärzten. Es besteht damit gleichzeitig auch eine Entwicklung, nach der sich bestehende MVZ sukzessive um weitere Arztsitze und Ärzte erweitern. Insgesamt nimmt daher der Anteil an ärztlichen Leistungen, die in MVZ, bzw. von MVZ-Ärzten erbracht, stetig zu.

Grafik: BMVZ / Datenquelle: KBV


Hintergründe
– Entwicklung 2004 bis 2008

Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz erfährt das poliklinische Prinzip unter dem neuen Namen MVZ seine bundesdeutsche ‘Wiedergeburt’, nachdem in den 1990er Jahren die meisten ostdeutschen Polikliniken und ambulanten Gesundheitszentren abgewickelt worden waren.

Seit 1. Januar 2004 dürfen MVZ neben den Praxen in Niederlassung als Struktur der Regelversorgung bundesweit neu gegründet werden. Ausgehend von der zunächst verhaltenen  Gründungsdynamik im ersten Jahr ist in 2005 und 2006 der stärkste Anstieg an Neuzulassungen zu verzeichnen – ein Beweis dafür, dass sowohl die Idee einer fachübergreifend ambulant-kooperativen Versorgung, als auch die Möglichkeit, Ärzte in Anstellung zu beschäftigen, oder angestellt beschäftigt sein zu wollen, großen Anklang finden.

Die meisten MVZ sind zu diesem Zeitpunkt in vertragsärztlicher Hand. Der Grund liegt darin, dass bereits niedergelassene Ärzte die für die MVZ-Gründung nötigen Zulassungen bereits besaßen und daher – anders als zum Beispiel die ebenfalls gründungsberechtigten Krankenhäuser – Arztsitze nicht erst erwerben mussten.

Auch kam in den ersten Jahren eine gesetzliche Förderung hinzu. Danach war allen Ärzten, die für mindestens fünf Jahre angestellt in einem MVZ tätig waren, nach dieser Zeit eine Zulassung am Ort ihrer Wahl unabhängig von der Bedarfsplanung oder Niederlassungssperren, zugesichert. Damit war die Anstellung im MVZ insbesondere für junge Mediziner und bereits als Jobsharer praktizierende Ärzte mit Blick auf eine spätere Niederlassung ausgesprochen attraktiv. Hinzu kam, dass es über Änderungen durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄndG) in 2006 ermöglicht wurde, dass Ärzte gleichzeitig, also z.B. über zwei Halbtagsstellen,  im Krankenhaus und ambulant tätig werden konnten.

Vor diesem Hintergrund beginnen die Krankenhäuser und auch die sogenannten dritten Träger ebenfalls, und in den kommenden Jahren mit schnell ansteigender Tendenz, MVZ zu gründen. Aufgrund des gegenüber Vertragsärzten höheren Planungsvorlaufes sind diese Aktivitäten statistisch jedoch erst ab 2006 deutlich sichtbar.

Dass bereits zwei Jahre nach dem GKV-Modernisierungsgesetz weit über 600 MVZ bestehen würden, war von der Politik so nicht erwartet worden und diese letztlich von ihrem eigenem Erfolg überrascht.
Daher wurde die oben dargestellte ‘Sitzverdopplung’ als Fördermaßnahme mit dem nächsten Gesetz ersatzlos zurückgenommen und lediglich für Anstellungsverhältnisse, die vor dem 31.12.2006 geschlossen worden waren, aufrecht erhalten. Dass dies zu einer Rückläufigkeit in der Gründungsdynamik beigetragen haben mag, ist nicht bewiesen, kann aber im Einzelfall durchaus eine Rolle gespielt haben.


Hintergründe
– Entwicklung 2009 bis 2014

Bei der Bundestagswahl 2009 ging das für die MVZ-Entwicklung sehr maßgebliche Bundesministerium für Gesundheit von der SPD-Ministerin Ulla Schmidt zunächst an Philipp Rösler und später an Daniel Bahr über, die beide für die FDP angetreten waren. Vor dem Hintergrund der FDP-Haltung, die niedergelassenen Ärzte als wichtige Klientelgruppe zu stärken, sah bereits der Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung Reglementierungen und Einschränkungen der MVZ-Idee vor.

Für dritte Träger und Krankenhäuser von besonderer Relevanz wurde hier formuliert, dass ‘MVZ nur unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen werden sollen, wobei wesentlich dabei vor allem sein sollte, dass die Mehrheit der Geschäftsanteile und Stimmrechte Ärztinnen und Ärzten zusteht.Damit wären MVZ-Gründungen von Krankenhäusern nur noch eingeschränkt unter der Partnerschaft mit Vertragsärzten und solche von dritten Trägern überhaupt nicht mehr möglich gewesen.

Diese vage Ankündigung schuf ein schwieriges Klima, da lange nicht klar war, wie und mit welcher Intention und Schärfe diese Regelungen umgesetzt würden und ob es für bestehende Häuser einen Bestandsschutz für den Weiterbetrieb gäbe. Die Gründungsdynamik wurde durch diese Hintergründe lange bevor 2011 das Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VStG) beschlossen wurde, nachhaltig gebremst.

Mit dem VStG, das zum 1.1.2012 in Kraft trat, wurde der potentielle MVZ-Gründerkreis dann zum Ende der Legislatur auch tatsächlich deutlich eingeschränkt. Nicht mehr gründungsberechtigt waren von nun an Pflegedienstleister, Apotheker, Rehabilitationskliniken und –einrichtungen sowie alle sonstigen Heil- und Hilfsmittelanbieter. Lediglich die Klausel des Koalitionsvertrages zum Erfordernis der Mehrheitsanteilschaft von Vertragsärzten an jedem MVZ wurde nicht umgesetzt. Neugründungen blieben nunmehr Vertragsärzten, Krankenhäusern und nichtärztlichen Dialyseträgern vorbehalten.
Zusätzlich gab es einen Bestandsschutz, so dass MVZ der Jahre 2004 bis 2011, die von den eben aufgezählten Institutionen getragen wurden, weiterbetrieben werden dürfen.

Diese Einschränkung ab 2012 mit der ihr vorangegangenen langen Phase der Verunsicherung ist eine Erklärung, weshalb die Gründungsdynamik trotz steigender absoluter MVZ-Zahlen rückläufig zu sein scheint.


Gegenwart und Ausblick

Betrachtet man die absolute Anzahl der MVZ ist für das Berichtsjahr 2014 eine Zunahme von 67 MVZ, was einer Gründungsquote von 1,3 MVZ pro Woche entspricht, festzustellen. Vergleicht man jedoch die Zahl der Neuzulassungen in 2014 mit den Vorjahren scheint eine Stagnation erkennbar.

Susanne Müller, Geschäftsführerin des BMVZ, erläutert die zu stagnieren scheinende Kurve der MVZ-Zulassungen: “Auch wenn die Grafik einen sinkenden Trend der MVZ-Zulassungen aufzeigt, so ist er in unseren Augen nicht als Ausdruck rückläufigen Interesses zu interpretieren. Der Trend zu kooperativen Versorgungsformen besteht mehr denn je und das nun in Kraft getretene VSG wird einer neuen Gründungswelle Vorschub leisten.”

So wurde zum Beispiel in §95 Abs. 1 SGB V das Erfordernis des Fachübergriffs aus den Gründungsmodalitäten gestrichen und damit fachgruppengleiche MVZ zugelassen. Der BMVZ begrüßt diese Entscheidung, hält aber an dem ganzheitlichen Poliklinik-Gedanken und dem Glauben an die Sinnhaftigkeit von fachübergreifender Kooperation fest. Insgesamt ist die Situation komplexer Versorgungsstrukturen im ambulanten Bereich aber gegenwärtig positiv zu werten und mit dem VSG für die Zukunft eine gute Ausgangsbasis geschaffen worden.

Insgesamt erleichtert das VSG den Leistungserbringern in der ambulanten Versorgung Neugründungen deutlich. Gleichzeitig wurde an vielen Stellen durch entsprechende Änderungen vom Gesetzgeber deutlich gemacht, dass MVZ nicht nur nominell als Regelversorgungsform definiert, sondern künftig auch tatsächlich als solche behandelt werden. Diese Haltung drückt sich in verschiedenen Paragrafen, mit denen niedergelassene und angestellte Ärzte einerseits, sowie MVZ und Praxen andererseits gleichgestellt werden, aus.

Setzt man diese Voraussetzung mit den von der KBV für die vergangenen Jahre veröffentlichten Zahlen in Zusammenhang, ist mit erhöhter Dynamik eine neue Welle von MVZ-Gründungen zu erwarten. Bereits jetzt bilden laut KBV-Statistik die Hausärzte mit 1.913 Ärzten und die Internisten mit 1.576 Ärzten die zahlenmäßig stärksten Gruppen innerhalb der MVZ-Ärzte. Insbesondere bei diesen Fachgruppen zeichnet sich auch ein erhöhtes Interesse an der Gründung facheinheitlicher MVZ ab. Denn während bislang jeder gründungswillige Arzt einen fachgruppenverschiedenen Partner brauchte, oder als solcher gebraucht wurde, besteht nun die Möglichkeit, sich zu einem MVZ innerhalb des eigenen Arbeitsbereiches zusammenzufinden. Eine Chance, die mit Sicherheit auch von Zahnärzten genutzt werden wird.

Gespannt wird zukünftig zu beobachten sein, ob die Erweiterung der Trägerschaft auch auf Kommunen einen neuen Gründungsschub, vor allem in den ländlichen Regionen, zur Folge haben wird. Dort steht die Frage “Wo ist mein Arzt?”insbesondere im Fokus älterer Patienten. Der BMVZ erwartet hier zwar eher nicht, dass Kommunen sich, um diesem Problem zu begegnen, prioritär auf die Gründung neuer MVZ konzentrieren werden, doch steht er als Ansprechpartner gern bereit. In diesem Sinne führte der BMVZ im Rahmen des im Juni 2015 zu diesem Thema veranstalteten Strategiegespräches bereits zahlreiche kommunale Vertreter in die Grundproblematiken der ambulanten Versorgungswelt, die MVZ-Rahmengesetzgebung aber auch in Alternativen zur MVZ-Gründung ein.

Bei einer Prognose zur MVZ-Gründungsdynamik darf man den Fakt, dass es von der Gründungsidee bis zur letztlichen Zulassung zumeist viele Monate, bisweilen auch Jahre dauern kann, grundsätzlich nicht aus den Augen verlieren. Addiert man diesen Umstand zu den Möglichkeiten, die das VSG nunmehr bietet hinzu, so ist nach Schätzung des BMVZ mit einer gesteigerten Gründungsdynamik in den kommenden Monaten und Jahren zu rechnen, die sich jedoch  erst in den rückblickenden Statistiken auf das Jahr 2016 spürbar bemerkbar machen werden.

Entsprechend bleibt es spannend, wie sich die KBV-MVZ-Statistik in den kommenden Jahren im Vergleich zu heute verändern wird.


In diesem Zusammenhang ist auch auf den ungebrochenen Trend zur Beschäftigung von Ärzten im Anstellungsverhältnis hinzuweisen. Entsprechend wichtig ist die Bedeutung der neuen Beschlüsse im VSG in Bezug auf die Arbeitsbedingungen angestellter Ärzte.

Unter den Stichworten “Akzeptanz Angestellter Ärzte im ambulanten Alltag” und “Normalität Kooperation” hat der BMVZ mit seiner Arbeit in den letzten Jahren viel bewegt. Einer der Erfolge zeigt sich beispielsweise in der normativen Anpassung der Vertretungsregelung an die besondere Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Situation. Aber auch die Gleichstellung der Plausibilitäts-Prüfzeiten setzt ein positives Signal, dass der Angestellte Arzt, zumindest in der politischen Öffentlichkeit, gleichrangig zum niedergelassenen Arzt gestellt wird.

Mehr dazu finden Sie hier:

Verweis
Artikel: Normalität Kooperation
– Akzeptanz Angestellte Ärzte im ambulanten Alltag

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“Ärztliches Berufsbild
– Angestellt, im Team, im MVZ und trotzdem ein freier Arzt”
(Kommentar, Susanne Müller, Geschäftsführerin BMVZ,
MWW – Fortschritt der Medizin, April 2015)


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KBV-Dokumentation: MVZ aktuell (Stand 31.12.2014)

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KBV-Dokumentation: Entwicklung der MVZ Stand 31.12.2014)

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KBV MVZ-Kennzahlen auf einen Blick


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