MVZ als Exportgut?
Einblicke in die österreichische Reformdiskussion

Eine Gesundheitsreform rund um das Thema der Hausarztversorgung schlägt aktuell bei unseren südlichen Nachbarn hohe Wellen. Dabei erinnert das von der Bundeszielsteuerungskommission schon 2014 vorgelegte  Konzept zur Einrichtung von Primärversorgungszentren stark an die ursprünglichen MVZ-Pläne der rot-grünen Regierung in 2003. Auch die Debatten und Protestargumente der Ärzteschaft sind dieselben.

Doch was steckt dahinter?

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Österreich & MVZ

Reformen 2013 -2016

Der Plan für 2017

 


Die Österreicher und die MVZ-Idee

Tatsächlich ist schon länger geplant, in Österreich mit konzeptionellen Anleihen aus Deutschland, kooperative Versorgungsstrukturen aufzubauen. Bereits im Februar 2008 hatte der BMVZ vor diesem Hintergrund für eine Delegation des österreichischen Gesundheits­ministeriums eine dreitägige Besichtigungstour durch verschiedene MVZ in Berlin und Brandenburg organisiert und fachlich begleitet.

Die Reformpläne, MVZ nach Österreich zu adaptieren, waren damals bereits weit gediehen. Sie wurden jedoch durch die dagegen gerichteten, aufsehenerregenden Ärztestreiks, die zeitgleich zu Fußball-EM – die von Österreich und der Schweiz ausgetragen wurde – durchgeführt, bzw. angedroht wurden, verhindert.

Ärzte streiken zur Fußball-EM
(Der Standard v. 26.5.2008)

Von den damaligen Reformplänen umgesetzt wurde lediglich ab 2011 die Möglichkeit für niedergelassene Ärzte, eine Art Gemeinschaftspraxis in der Rechtsform einer GmbH zu gründen. (Vgl. das Bundesgesetz zur Stärkung der ambulanten öffentlichen Gesundheitsversorgung). Die Bedingungen zur Errichtung einer solchen Gruppenpraxis sind jedoch sehr komplex und schließen vor allem auch die Anstellung von Ärzten explizit aus. In der Folge wurde diese Strukturvariante von Ärzten kaum genutzt.

Aus diesem Grund gingen die
Reformbestrebungen in Österreich in eine neue Runde.

 


Reformen 2013 – 2016

Obwohl konzeptionelle Grundlage nun nicht mehr die Adaption des MVZ-Konzeptes war, unternahm eine – wie schon in 2008 – hochrangig besetzte Reisegruppe aus Vertretern des österreichischen Kassen- und Krankenversicherungswesens im Sommer 2013 eine mehrtägige Visite bei verschiedenen BMVZ-Mitgliedern sowie der KBV. Die Erfahrungen flossen in die Gesundheitsreform des Jahres 2013 ein

Details zur Gesundheitsrefom 2013

Kernpunkt war die Einigung zwischen Bund und Ländern einerseits und der Sozialversicherung anderseits auf eine partnerschaftliche ‘Zielsteuerung-Gesundheit’. Seitdem wird die Festlegung der Eckpunkte und Inhalte dieser Zielsteuerung in der Vereinbarung gemäß Art. 15a B-VG Zielsteuerung Gesundheit regelmäßig angepasst.

Bei diesem Prozess kommt den österreichischen Ärzten nur eine Beobachterrolle zu, da eine KV-vergleichbare Organisation nicht existiert und die Kammern absichtsvoll nicht eingebunden werden. Aktuell sollen – wiederum mit Verweis auf die Medizinischen Versorgungszentren hierzulande – in Österreich 75 Primärversorgungszentren eingerichtet werden, um eine medizinische Grundver­sorgung  unter einem Dach und unter Einbezug nichtärztlicher Heilkundler zu ermöglichen.

Dieses Konzept erinnert in vielen Details an das ursprüngliche (später so nicht beschlossene) MVZ-Konzept der rot-grünen Bundesregierung mit Ulla Schmidt als Gesundheitsministerin, die zunächst ausschließlich die vier Fachrichtungen der Basisversorgung in den MVZ konzentrieren wollte. (Vgl. Zur deutschen Gesundheitsrefom von 2003). Was viele Patienten in Österreich durchaus als Fortschritt sehen, stößt bei anderen auf heftige Kritik, die – wie das Konzept selbst – Assoziationen zu den entsprechenden Diskussionen in Deutschland weckt.

Während das von der SPÖ geführte Gesundheitsministerium und die Krankenkassen Vorteile wie die bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung, eine bessere Betreuung der Patienten durch berufsübergreifende medizinische Behandlung und weniger finanzielles Risiko für die Ärzte sehen, fürchtet die Ärztekammer den Untergang der selbständigen Arztpraxen (= Ordinationen).

So sehen die Ärztekammern schon das „Ende der freien Ärzteschaft und der sozialen Medizin“ und fürchten eine Verdrängung der Einzelpraxen, die zu einer „Ökonomisierung und zu „medizinischer Fließbandarbeit“ führen wird. Die Fronten scheinen verhärtet. Die Krankenkassen werfen der Ärztekammer „Panikmache“ vor und die Ärztekammer droht erneut mit Streiks.

“Weiter Streit um Reform”
(Wiener Zeitung v. 26.11.2016)

Die Gesundheitsministerin mahnt derweil zur Besonnenheit und argumentiert, dass der Umbau der medizinischen Versorgung in Österreich dringend notwendig sei, denn wie in Deutschland, spüren die Österreicher bereits die Folgen des demografischen Wandels und befürchten gleichzeitig den Rückgang der Ärztezahlen.

 


Der Plan für 2017

Um das Gesundheitssystem langfristig zu stabilisieren, soll nun also neben Einzel- und  Gemeinschaftspraxen eine neue Versorgungsform etabliert werden: das Primärversorgungszentrum. Allerdings sieht das Konzept hierfür gerade keine Strukturfestlegung vor.

Vielmehr versteht man das Primärversorgungszentrum als organisatorischen Verbund aus den verschiedensten bereits bestehenden Strukturen, das insbesondere auch den Ärzten flexible Formen der Berufsausübung ermöglichen möchte. Erste Pilotprojekte sollen im Laufe des Jahres umgesetzt werden.

FAQ Primärversorgung in Österreich

Multiprofessionelles und
interdisziplinäres Primärversorgungskonzept

Verbunden sind mit diesen strategisch durchaus wichtigen Überlegungen, wie die ärztliche Grundversorgung stabilisiert werden könne, jedoch auch Bestrebungen  der Sozialversicherungsträger, ein neues Honorarmodell durchzusetzen. Dabei geht es um die Umstellung der bisherigen Einzelleistungsvergütung auf eine Pauschalhonorierung. Naturgemäß entzündet sich daran vor allem der Protest der Ärzteschaft.

Ärzte machen weiter gegen Gesundheitsreform mobil
(Der Standard v. 23.11.2016)


Fazit

Durch diese Verknüpfung droht auch den aktuellen konzeptionellen Überlegungen zur Flexibilisierung der Versorgungstrukturen der ärztliche Boykott.

Die Reformbemühungen bei unseren südlichen Nachbarn werden daher auch weiter spannend bleiben – Wechselwirkungen auf Deutschland (und andersherum) sind dabei auch weiterhin nicht ausgeschlossen.