TSVG, Investoren und Kommunen in der Versorgung
– Dr. Peter Velling über aktuelle Entwicklungen von MVZ

Die Auswirkungen des TSVG, Investoren im Gesundheitssektor und die Rolle von MVZ in der Versorgung. Dr. Peter Velling, Vorstandsvorsitzender des BMVZ, gibt einen Abriss über die aktuelle Lage von medizinischen Versorgungszentren.

Investoren auf Einkaufstour und Klinikbetreiber auf dem Vormarsch: In der Debatte über die Zukunft der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) schwingt derzeit bei vielen Ärzten die Angst vor dem Ausverkauf der ambulanten medizinischen Versorgung an Großkonzerne mit. Berechtigte Befürchtungen?

Der änd-Chefredakteur Jan Scholz sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbandes MVZ (BMVZ), Dr. Peter Velling, über das Thema.


Die wichtigsten Aussagen des Interviews finden Sie hier zusammengefasst.
Das ganze Interview können Sie am am Ende der Seite im Wortlaut lesen.

direkt zum Interview

Investitionsobjekt MVZ − Kommt der große Ausverkauf des Gesundheitswesens?

Kurze Antwort: Nein! Zwar gründen Krankenhäuser MVZ und nehmen so an der ambulanten Versorgung teil, sie füllen aber eine Lücke und verdrängen keine niedergelassene Ärzte.

“Krankenhaus-MVZ existieren im Wesentlichen auch deshalb, weil Vertragsärzte die Sitze nicht übernehmen konnten oder wollten.” – Dr. Velling

Ausländische Investoren und Private Equity Firmen, die in MVZ investieren gibt es zwar, sie bleiben aber die Ausnahme. Wenn investiert wird, dann meisten langfristig und zum Wohle der Patienten.

 

TSVG − Erfolg oder Bürde für MVZ?
Aus Sicht der MVZ und des BMVZ ist das Regelwerk gelungen. Umgesetzt werden die Regelungen aber vor Ort, von den jeweiligen KVen. Da die Vorurteile gegenüber MVZ noch nicht überall gleichermaßen abgebaut sind, wird es immer wieder zu regionalen unterschieden in der Umsetzung kommen.

 

Dr. Velling bei einer Anhörung zum TSVG im Bundestag.

Weiterführende Informationen zum TSVG und der Arbeit des BMVZ im Rahmen des Gesetzgebungsprozesses gibt es hier:
TSVG en detail
Änderungen bei MVZ und angestellten Ärzten beschlossen
TSVG-Sprechstundenvorgaben in der  Umsetzung: Tipps für BAG und MVZ
BMVZ kämpft für praxistaugliche Regelungen

 

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Niederlassung vs. Anstellung − unvereinbar?

Viele junge Ärzte scheuen die Verantwortung, die eine Niederlassung und Selbständigkeit mit sich bringt. Viele von ihnen arbeiten deshalb zu Beginn ihrer Laufbahn in einem MVZ. Nachdem sie die ambulante Versorgung aber kennengelernt haben, lassen sich auch viele nieder.

“Viele Ärzte lassen sich heutzutage aus Angst vor Regressen, etc. nicht sofort nach der Tätigkeit im Krankenhaus nieder.” – Dr. Velling

Ältere Praxisinhaber nutzen die Möglichkeit zum Ende ihrer Karriere ihren Arztsitz in ein MVZ einzubringen. So können sie nach und nach ihre Stunden reduzieren, Verantwortung abgeben und gleichzeitig weiter praktizieren.

MVZ bieten also eine wichtige Scharnierfunktion sowohl für junge als auch ältere Ärzte.

 

Versorgung in Kommunen − Zukunftsmodell MVZ?

Die Zahl kommunal betriebener MVZ ist klein. Kommunen spielen aber dennoch eine wichtige Rolle: Sie können die entsprechende Infrastruktur für Gesundheitszentren oder MVZ bereitstellen und so den entsprechenden Rahmen für eine wohnortnahe medizinische Versorgung schaffen.

Ebenso ist der Rück- und Umbau von kleinen Krankenhäusern in ambulante Versorungszentren eine weitere Möglichkeit, die Versorgung auf kommunaler Ebene zu verbessern.


Das Interview im Wortlaut: 

Herr Dr. Velling, wenn im Gesundheitswesen über die MVZ debattiert wird, kommen immer häufiger Begriffe wie Private Equity, Fremdinvestor und Marktkonsolidierung hoch. Nicht wenige Ärzte sprechen von bedrohlichen Veränderungen. Welche Entwicklungen machen sie derzeit in der MVZ-Landschaft aus? Dominieren die Klinik-MVZ immer deutlicher?

Velling: “Krankenhaus-MVZ existieren im Wesentlichen auch deshalb, weil Vertragsärzte die Sitze nicht übernehmen konnten oder wollten.”

Nein. Tatsächlich ist der Anteil an Klinik-MVZ seit Jahren mit etwa 40 Prozent gleich und zuletzt sogar etwas gesunken. Wenn wir über dieses Thema sprechen, müssen wir uns zudem über eine gesetzliche Vorgabe im Klaren sein, die schon seit 2012 existiert:
Krankenhaus-MVZ haben im Zulassungsverfahren –
§ 103 Absatz 4c SGB V – immer einen Nachrang gegenüber Vertragsärzten. Das heißt: Krankenhaus-MVZ existieren im Wesentlichen auch deshalb, weil Vertragsärzte die Sitze nicht übernehmen konnten oder wollten. Häufig werden Lücken gefüllt, die sonst in der Versorgung entstünden und nicht Ansprüche von Vertragsärzten angefochten. Das ist zwar schon lange so und auch bekannt – wird aber gerne verdrängt.

 


“Das TSVG ist beim Thema MVZ und angestellten Ärzte gelungen.”

Wo wir beim Thema sind: Wie lautet Ihr erstes Fazit zum TSVG?

Bezüglich der Erwartungen, die wir an ein Bundesgesetz haben, ist das Reformwerk beim Thema MVZ und angestellte Ärzte gelungen. Wie wissen aber auch, dass die regionale Umsetzung durch die KVen immer der Knackpunkt ist. Sie haben ihre alten Vorurteile noch nicht fallen gelassen. Damit verbauen sie sich auch Chancen.


“Viele Kommunen haben nicht unbedingt Lust wieder selbst in die Patientenversorgung einzusteigen.”

Sind kommunale MVZ als Maßnahme gegen den Ärztemangel eine gute Idee?

Ich kenne gut funktionierende Häuser – und solche, in denen es nicht so gut läuft. Das hängt immer von den verantwortlichen Personen ab. Ich glaube nicht, dass eine Kommune unbedingt selbst Betreiber sein sollte. Aber eine Kommune kann ein Haus in zentraler Lage vermieten und einen guten Standort für ein Gesundheitszentrum bieten. Das muss ja nicht immer ein MVZ sein.

Die Kommune kann als Vermieter und als Sichersteller der öffentlichen Verkehrsanbindung viel leisten. Aus den Erfahrungen mit dem Betrieb von kommunalen Krankenhäusern haben viele Kommunen nicht unbedingt Lust wieder selbst in die Patientenversorgung einzusteigen. Die Zahl kommunaler MVZ ist entsprechend sehr klein.


Das Interview ist zuerst am 25.04.2019 im änd erschienen.