(B)MVZ goes international
– Andere Länder, andere Fragen

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25 Jahre Erfahrung und Engagement des Bundesverband Medizinische Versorgungszentren – Gesundheitszentren – Integrierte Versorgung e.V. (BMVZ) haben sich auch über die Landesgrenzen hinaus herum gesprochen.

Besonders in den letzten Jahren erreichten die Geschäftsstelle vielerlei Anfragen aus dem Ausland sowie vor Ort Besucher aus Österreich, Frankreich, Schweden, den USA und sogar aus Südkorea.

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1. Österreich: Auf der Suche nach einer neuen Struktur
2. Südkorea: Die Erfahrungen eines geteilten Landes
3. Schweden: Austausch von Poliklinik zu Poliklinik
4. USA: Einmal über den großen Teich
5. Frankreich: Mit der Vertragsärzteschaft auf Tuchfühlung

 

Ein Blick über den gesundheitspolitischen Gartenzaun

von links: Dr. Bernd Köppl (BMVZ), Jorge Riopedre (USA), Andrea Röhr (BMVZ) 

Mit der Vereinigung Deutschlands kam es zum Zusammenstoß zweier gegensätzlicher Gesundheitssysteme. Schlussendlich wurde das westdeutsche System der Niederlassung von Fachärzten, zumeist in Einzelpraxen, dem durch Verstaatlichung und Kooperation geprägten ostdeutschen System übergestülpt.

Zündstoff boten vor allem die DDR-Polikliniken, die es – der geplanten Abwicklung zum Trotz – schafften, so lange zu überleben, bis  sich schließlich  Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) als eigenständige Akteure in der Regelversorgung etablierten.

Praktisch seit der Stunde Null hat der Verband den Weg der ambulant-kooperativen Strukturen in der gesamtdeutschen Gesundheitsversorgung begleitet und gilt entsprechend als Kompetenzstelle für Fachfragen und Erfahrungswissen rund um ärztliche Kooperation.

Das gilt auch für Akteure aus dem Ausland. Denn, auch wenn sich Länder und deren Gesundheitssysteme in ihrer Struktur unterscheiden, so haben sie meist partiell oder auch in Gänze ähnliche, Probleme. Ein fachlicher und persönlicher Austausch mit Wissenschaft, Politik und Praktikern anderer Länder wird deshalb vom BMVZ-Team hochgeschätzt und unterstützt.

In diesem Sinne konnte das Team bereits Einiges erleben und viel Neues lernen.

Weiterführende BMVZ-Artikel:
Bundesverband MVZ –
Praktisch, aktuell und visionär

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Auf der Suche nach einer neuen Struktur: Österreich

    osterreichBereits 2008, kaum also, dass MVZ und der angestellte Arzt regelhaft im deutschen Gesundheitssystem angekommen waren, wand sich eine offizielle Delegation des österreichischen Gesundheitsministeriums mit großem Interesse, die Reformoption MVZ zu adaptieren, an die Geschäftsstelle.

Grundfrage war, wie MVZ funktionieren und wie es gelang, das Modell gegen den Widerstand der Ärzteschaft in der Regelversorgung zu etablieren. Praktisch öffneten mehrere Mitglieder aus Berlin und Brandenburg den Besuchern ihre Praxistüren und gewährten Einsicht in ihrem Arbeitsalltag.

Im Sommer 2013 – sprich mehrere Reformschritte später – war es dann eine Abordnung des Hauptverbands der  österreichischen Sozialversicherungsträger, die mit strategischer Neugier und unter Begleitung durch den BMVZ verschiedene MVZ erkundeten und  mit KBV und Krankenkassenverbänden das Pro und Contra dieser Strukturen erörterten.

MVZ-ähnliche Strukturen gibt es bis heute in Österreich nicht. Dabei waren und sind die Pro- und Contra-Argumente ziemlich nah bei denen, die auch in Deutschland diskutiert wurden und die den trägerbasierten Versorgungsformen das Leben bis heute schwer machen.

Aktuelles Ziel unserer südlichen Nachbarn ist der Aufbau von Primärzentren (Zentren zur Grundversorgung), die in ihrer Ausprägung den ursprünglichen MVZ-Gedanken der fach- und berufsübergreifenden Zusammenarbeit bei der Patientenbetreuung aufgreifen.

Weiterführender BMVZ-Artikel:
MVZ als Exportgut?
Einblicke in die österreichische Reformpolitik


 

Die Erfahrungen eines geteilten Landes: Südkorea

suedkoreaBesonders neugierig machte eine Anfrage aus Südkorea. Donggyu Lim als Abgesandter des südkoreanischen Gesundheitsministeriums und Dr. Kim Sangukuk vom Institut für Koreastudien an der FU Berlin besuchten im November 2016 die Geschäftsstelle. Ihr Interesse galt der aktuellen gesundheitspolitischen Situation in Deutschland bzw. den Erfahrungen, wie Deutschland bei der Vereinigung mit den Herausforderungen der Zusammenführung der gegensätzlichen Gesundheitssysteme umgegangen war.

Sie berichteten, dass sich Korea in den 1970er Jahren von Deutschland bezüglich der Organisationform beraten ließ. Die Situation ‚DDR & BRD‘ sei vergleichbar mit der des geteilten Koreas. In Nordkorea bestehe ein poliklinisches System, wohingegen in Südkorea das Prinzip der Einzelpraxis vorherrsche. Mit Blick auf eine potenzielle Wiedervereinigung will Südkorea aus der Geschichte Deutschlands und etwaigen Fehlern bei der Vereinigung lernen und Prozesse im Vorfeld optimiert gestalten.

Gesprochen wurde über die geografische Versorgungproblematik in den Ballungs- und Zersiedelungsräumen. Die Erfahrungen der Krankenkassen in Bezug auf die Honorarentwicklung wurden ebenso hinterfragt wie die Abrechnung von Patienten bei wiederholten Arztbesuchen, die freie Arztwahl und die Bedarfsplanung. Auch der Datenschutz und Geschlechterverhältnis in der Ärzteschaft waren Gesprächsgegenstand. Sehr ins Detail ging es beim Thema MVZ im Hinblick auf Haupt- und Nebenbetriebsstätten bzw. die baulichen Maßnahmen bei Neugründungen unter Einbindung medizinnaher Dienstleister und nicht-ärztlicher Heilberufe.

Insgesamt war es ein sehr außergewöhnlicher Besuch, der das Geschäftsstellenteam mit einer neuen Sicht auf die Vergangenheit und das Erreichte zurückblicken lässt.

Weitere Informationen
‚Institut für Koreastudien‘


 

Erfahrungsaustausch von Poliklinik zu Poliklinik: Schweden

schwedenDie skandinavischen Sozialsysteme gelten aus deutscher Sicht oft als Vorbilder, wenngleich wir hinsichtlich der Gesundheitsversorgung – zumindest was Erreichbarkeit und Wartezeiten betrifft – definitiv besser dastehen. Aber Erfahrungen mit der Versorgung von zersiedelten Räumen mit langen Wegen bei gleichzeitig knappen Ressourcen sind uns die Schweden wiederum eindeutig voraus.

Dennoch kamen im Herbst 2015 & 2016 gleich drei Reisegruppen – bestehend aus Ärzten, Fachangestellten und Management einer Pflegezentrale nach Berlin, um sich vor Ort über den deutschen Weg der MVZ und die Versorgungssystematik an sich zu informieren.

Eine Pflegezentrale (Vårdcentral) ist in Schweden eine Einheit der Gesundheitspflege, von denen es ca. 1000 Stück gibt und die größtenteils von der kommunalen Verwaltung geführt werden. Sie sind eine erste Anlaufstelle für Patienten und Krankheiten, die ambulant behandelt werden können. In diesen Zentren findet man Ärzte und Krankenschwestern verschiedenster Fachrichtungen – manchmal arbeiten bis zu 40 Praxen unter einem Dach. Auch Leistungen, die bei uns der öffentliche Gesundheitsdienst erbringt, werden durch die Vårdcentral durchgeführt.

Der Besuch, der wiederum unter Anderem Vor-Ort-Termine bei insgesamt sechs MVZ/BMVZ-Mitgliedern in Berlin einschloss, war ein Austausch auf Augenhöhe, bei dem wir mindestens ebenso viele Anregungen für unsere Arbeit mitgenommen haben, wie unseren schwedischen Gäste.

Weitere Informationen
‚Stureby Vårdcentral ‘


 

Einmal über den großen Teich: USA

usaMit einer ganz anderen Frage trat Jorge Riopedre aus den Vereinigten Staaten Amerikas an den BMVZ heran. Er ist Präsident der Casa de Salud in St. Louis Missouri.

Die Casa de Salud ist Anlaufstelle für Einwanderer, die sich ohne Aufenthaltsgenehmigung in den USA aufhalten und die bei gesundheitlichen Beschwerden körperlicher und seelischer Natur nur schwer Hilfe finden. Mit über 50 Partnern versucht die Einrichtung der Situation Herr zu werden und den Menschen, die durch die Maschen des Gesundheitssystems fallen, eine gesundheitliche Versorgung zu sichern.

Deutschland gilt als ein Land mit einer modernen Gesundheitsversorgung und als ein Land, das ebenfalls mit einer hohen Anzahl an Flüchtlingen, Ein- und Zuwanderern konfrontiert ist.

Und so galt das Interesse den Möglichkeiten, die das deutsche Gesundheitssystem in der ambulanten, aber auch in der kooperativen Versorgung bietet. Das Zusammenbringen der beiden Gesundheitssysteme nach der Vereinigung, die Rolle der Politik im deutschen Gesundheitssystem wurden mit Interesse hinterfragt. Schwerpunkt lag jedoch auf den praktischen Fragen der Gesundheitsversorgung von Einwanderern ohne Aufenthaltsgenehmigung. Hierbei wurden vor allem die Steuerungsprozesse und die Handhabung entstehender Kosten diskutiert.

Weitere Informationen
‚Casa de Salud‘


 

Mit der Vertragsärzteschaft auf Tuchfühlung: Frankreich

frankreichMedicins et Territories, ou la theorie de l’évolution’, lautet der Titel eines im September 2017 stattfindenden Gesundheitskongresses der französischen Vertragsärzteschaft – und der BMVZ ist mit dabei:

Angelika Niemier, Leiterin der Geschäftsstelle und Dr. Milena Schaeffer-Kurepkat Geschäftsführerin des Gesundheitszentrum Brandenburg an der Havel GmbHwerden als Gäste / Referentin am Kongress teilnehmen und über die MVZ in Deutschland berichten.

Angefangen hat diese Arbeitsbeziehung im Jahr 2015. Claire Imbaud von der Universität de Technologie de Compiègne wandte sich mit Fragen die MVZ betreffend an die Geschäftsstelle. Frankreich plant(e) Veränderungen in seiner ambulanten Strukturlandschaft und so war das Ziel die Vorstellung des Modells ‘MVZ’ gegenüber der Kassenlandschaft und Ärzteschaftsvereinigung Frankreichs. Hintergrund für die Veränderung war der, wie in Deutschland auch, bestehende Ärztemangel in den ländlichen Gebieten. Bedarfsplanung gibt es in Frankreich nicht und so ‘ballen’ sich die Niederlassungen zwar in Gegenden wie Paris oder auch Südfrankreich, doch herrscht in den übrigen Gebieten die Gefahr der Unterversorgung..

Da auch hier die praktische Anschauung die beste Antwort auf alle theoretischen Fragen war, wählte die BMVZ-Geschäftsstelle für diverse Besuchergruppen unterschiedliche MVZ aus. Hierbei war es wichtig die Unterschiedlichkeiten herauszustellen. Der Fokus lag auf der Betrachtung der Prozessabläufe, Facharztstrukturen, baulichen Gegebenheiten und den Synergie-Effekten zwischen ärztlichen und nicht-ärztlichen Einrichtungen in der Umgebung der jeweiligen MVZ.

Der Kontakt zu Claire Imbaud besteht bis heute und findet seinen vorläufigen Höhepunkt in eben jenem Kongress, bei dem u. a. auch die Gesundheitsministerin Frankreichs und sowie ihr kanadischer Kollege auf der Rednerliste stehen.

Weitere Informationen
‚Confédération des Syndicats Médicaux Français‘


dankeDie Anerkennung als Anlaufstelle für Fragen und Fragensteller unterschiedlichster Couleur weltweit, macht uns schon ein wenig stolz.

Doch bei allem bereits vorhandenem Wissen in der Geschäftsstelle, sind die Mitglieder das Herzstück und eine nicht versiegende ‚Quelle der Erfahrung‘. Nicht nur, dass sie, wie in diesem Bericht erwähnt, bereit sind, ihre Türen zu öffnen – sie zeigen stets die Bereitschaft den Verband aktiv zu unterstützen und ihr Wissen wie ihre persönlichen Erfahrungen Preis zu geben.

Wir möchten uns an dieser Stelle daher recht herzlich bedanken. Nur mit unseren Mitgliedern ist so Vieles möglich.